Verlag Blaues Schloss Marburg

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Heimo Schwilk

Luther. Der Zorn Gottes.

So, 5. März, 11 Uhr, Café Vetter

Heimo Schwilk schlüpft in den Kopf von Luther. Nicht nur zu Lebzeiten Luthers ein riskantes Unterfangen. Denn Martin hat es nicht leicht. Aber leicht hat es ihn. Selbst beim allgemein beliebten Unterhaltungsspiel Who is Who? gerät‘s ihm leicht ins Diabolische. Da kann er schnell im Weihrauchduft den Schwefel riechen. Und langsam fragt sich der Zuhörer, ob Martin nun ein Gottessucher oder ein Gottesflüchtiger sei? Denn wer sucht schon sein Unglück? Zumal die Suche nach der Liebe Gottes Martin immer wieder dessen Zorn finden lässt. Hält zum Beispiel ein Mann auf der Straße ein Schild hoch, auf dem groß und breit steht „Hier ist mein Liebesangebot!“ und droht und schreit und stampft dabei die ganze Zeit und klagt dann, dass keiner ihn so recht lieb hat und sein großzügiges Angebot annehmen möchte, dann wird man die Schuld kaum bei den Passanten suchen. Martin ist nicht so. Zwar ist er auch ein Pilger auf Erden also ein vormoderner Passant, aber er sucht die Schuld bei sich selbst. Passanten hingegen suchen in der Regel etwas anderes.

„Für Luther“, so der Wortlaut des vorgestellten Buches Luther - Der Zorn Gottes, „war der Zorn Gottes über den sündhaften, von ihm abgefallenen Menschen eine unumstößliche Realität. Gott erlöst nicht nur, er verdammt auch. Die Vorstellung eines zürnenden Gottes war ihm mindestens so selbstverständlich wie das Liebes- und Erlösungsangebot Christi.“

Da konnte Martin bei so viel Zorn einfach nur zornig werden. Aber nicht über Gott sondern den Geldgeschäften der Kirche mit dem Zorn: „Genug! Jetzt ist es genug!“, können wir hören oder lesen: „Der Punkt ist erreicht, an dem er einschreiten muss!“ Und Heimo immer noch im Kopfe Martins verlässt mit „Bruder Martin die Stadtkirche St. Marien in Wittenberg mit festem Schritt. Martin will ein öffentliches Zeichen setzen, dem unwürdigen Treiben ein Ende machen. Und Heimo ist dabei. Was Martin eben in seinem Gotteshaus von einem seiner Beichtkinder gehört hat, bestätigt alle seine Befürchtungen. Seine seelsorgerliche Verantwortung ist in Gefahr und damit das Heil der ihm anvertrauten Schäfchen. Ein Wittenberger verlangte von ihm die Absolution, denn er hatte sich tags zuvor mithilfe eines Ablasses von der Sünde der Blutschande freigekauft.“

Ja, so eine intensiv-innere Beschäftigung mit Martin hinterlässt Spuren, die der Autor Schwilk weiter aufzeichnet: „Ein so ungeheuer dichtes, vorwärtsstürmendes Leben, das sich durch keinen Widerstand beirren lässt, wirft die Frage auf: Wäre diese Unbeugsamkeit auch heute noch möglich? Wie groß war der Konformitätsdruck damals, und wie stark ist er heute? Das Aufbegehren eines einzelnen Mannes gegen fast jede Autorität, gegen die Familie, die Schule, die Universität, die Theologie und Kirche seiner Zeit, gegen Kaiser und Reich hat etwas Singuläres. Der Vergleich mit der Gegenwart ernüchtert, denn das, was Luther zu dieser Größe befähigte, der unbändige Widerspruchsgeist, hat heute so hohe Konjunktur, dass er zur herrschenden Doktrin geworden ist. Je mehr man dagegen ist, umso stärker gehört man dazu. Der Zeitgeist korrumpiert auf eine so subtile Weise, dass jeder echte Widerstand ins Leere läuft und verpufft. Keine These könnte so abseitig sein, dass sie sich nicht sofort vermarkten ließe oder zu Ehren der Podien erhoben würde.“

Auf die selbstgestellte Frage: „Was das für den Luther-Biografen heißt?“, findet Heimo Schwilk den Bezug zur gegenwärtigen Situation unseres helden- und himmellosen Zeitalters: „Er befasst sich eigentlich mit einer ausgestorbenen Spezies. Auf der freien Wildbahn wird man ihr nicht mehr begegnen. Der Mann aus Wittenberg hat etwas Paläontologisches, aber dafür umso Faszinierendes.“ Und Faszination reißt schnell zum Wünschen hin: „Je mehr man sich mit der Ausnahmegestalt Martin Luthers beschäftigt, umso mehr wünscht man sich, dass die Mauern,. gegen die er als junger Mensch anrennen musste, vor den heutigen Jungen nicht wie Gummiwände zurückweichen. Es geht mir um die Heimholung einer großartigen, zugleich aber auch unheimlichen Persönlichkeit. Was Luther antrieb, war der Furor des Gottsuchers. Es ging von Anfang an nur um sein Seelenheil, nicht um eine Wellness der Seele, sondern um die Rettung vor der ewigen Verdammnis!“

Im Direktvergleich Luther versus modern-autonomer Einzelkämpfer zieht nach Heimo Schwilk Luther die überzeugendere Karte.
„Luther war kein Rebell. Er taugt nicht als Vorbild für Greenpeace oder die Occupy Bewegung. Er verabscheute den Aufruhr. Bei aller religiösen Leidenschaft wir er stets loyal gegenüber der staatlichen Obrigkeit. Er war kein Umstürzler wie Savonarola oder Thomas Müntzer, kein Revolutionär, obwohl er durchaus revolutionär gewirkt hat. Gottesbindung und Obrigkeitstreue waren die Säulen, auf denen sein Lebenswerk ruhte. Luther führte einen konsequent geistigen Kampf. Nur das Wort, nicht die Gewalt ändert die Welt, war sein Credo.“

Mag‘s im Zeitenwetter tatsächlich noch nicht stürmen und tosen, so ist das vorgestellte Buch Luther - Der Zorn Gottes zumindest auf dem Papier ein luftreinigender theologischer Sturzregen, die das allgegenwärtige „Gott hat dich so lieb!“, „Keiner ist böse!“, „Luther! Ein ganz toller, knuffeliger Familienvater!“ wegspült für ein tiefergehendes und klareres Verständnis von Gott und seinem Reformator.“

Zum Buch:

Heimo Schwilk
Luther
Der Zorn Gottes

Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
Karl Blessing Verlag (13. März 2017)
ISBN: 978-3896675224
Preis: 24,90

Heimo Schwilk, der sich mit seinen großen Porträts von Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke einen Namen als Biograf gemacht hat, vergegenwärtigt die Lebensgeschichte Martin Luthers auf eine bisher so nicht zu lesende Weise.

Psychologisch einfühlsam und vertraut mit der von radikalen Umbrüchen bestimmten Epoche des ausgehenden Mittelalters, zeichnet er ein Bild jenes Mannes, der mit seiner Neukonzeption der Theologie das kirchliche Leben, aber auch die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit revolutionierte – mit Wirkungen bis in die unmittelbare Gegenwart.

Heimo Schwilk macht die scheinbar weit in die Ferne gerückte Gestalt des Reformators lebendig und stellt sich quer zur verharmlosenden Aktualisierung des Reformators, der keineswegs als „Modernisierer“ zu vereinnahmen ist. Luther war kein Anwalt der Selbstbestimmung, der Autonomie des Einzelnen, seiner unbeschränkten Emanzipation und Mündigkeit.

Diese Biografie provoziert und eröffnet einen neuen, frischen Blick auf den „Genius der Deutschen“, der als Bibelübersetzer und Sprachschöpfer erreichte, dass die Grundfragen des Glaubens erstmals in Deutschland von einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert werden konnten.

Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, war lange Jahre Leitender Redakteur der „Welt am Sonntag“ in Berlin. (Verlagsangabe).

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