Verlag Blaues Schloss Marburg

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LUTHER - VERGANGEN UND DOCH DA

Eine Gemeinschaftsausstellung der Künstlerinnen
Renate Brühl, Miltraud Menzel-Kräling, Gisela Weiß
Rathaus der Stadt Marburg – 29. April – 12. Mai 2017

„In der Zeit von Samstag, 29. April bis Freitag, 12.Mai 2017 präsentieren die drei Künstlerinnen im Erdgeschoss des Rathauses am Markt Bilder und Drucke in unterschiedlichen Techniken, die sich im weitesten Sinne mit der Person Martin Luthers und seinem Wirken bis in unsere Zeit beschäftigen.“ So die Einladung zur Eröffnung der Ausstellung: LUHTER – VERGANGEN UND DOCH DA.

Die musikalische Einstimmung der Vernissage fand durch Thomas Zeuner (Gruppe Wildwuchs) mit Klängen aus der Zeit der Reformation statt.

Das Grußwort eröffnete in Namen des Magistrats und der Universitätsstadt Marburg Stadträtin Ursula Schulze-Stampe. Sie richtete Grüße aus von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies und Stadträtin und Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach.

Am 31. Oktober 1517, so vergegenwärtigte Stadträtin Schulze-Stampe das historische Ereignis, veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen wider den Missbrauch des Ablasses. Der Tag symbolisiert bis heute den Beginn der Reformation und gibt auch in Hessen und Marburg Anlass, das 500-jährige Jubiläum zu feiern. Obwohl in Marburg Martin Luther anlässlich des Marburger Religionsgespräches vom 30. September bis 5. Oktober 1529 nur fünf Tage verbrachte, wirkte sich diese kurze Zeit für die Bedeutung der Stadt Marburg und die Reformation 500 Jahre lang bis heute grundlegend aus.
Zahlreiche Akteure aus Kultur Kirche, Geschichte, Wissenschaft und Tourismus, so fuhr Schulze-Stampe fort, repräsentieren in Marburg in diesem Jahr facettenreich und spannend ein gemeinsam entwickeltes Programm. Der Fachdienst Kultur der Stadt Marburg, der auch die heute eröffnete Ausstellung unterstützte, war und ist darüber hinaus bundesweit vernetzt mit anderen Reformationsstätten und Orten.
„Kunst und Reformation, dies ist ein Zusammenspiel das hervorragend funktioniert. Wir sehen es am heutigen Abend aus besonderer Sicht in dieser Ausstellung“, leitete Schulze-Stampe zum aktuellen Anlass über und zu weiteren kulturellen Veranstaltungen und Ereignissen zum Lutherjahr.

 

Ein Schrecken geht um in Europa.
Oder: Lieber eine Ende mit Luther als ein Luther ohne Ende?

Gerhard Marcel Martin:
Eine Einführung in die Ausstellung „Luther – vergangen und doch da“

(im Wortlaut wiedergegeben).

Nach 10 Jahre durchprogrammierter Lutherdekade wird nun endlich der Endspurt über die Hürde des vielortigen Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT) im Mai hin zum 31. Oktober erfolgen: das Jubiläumsendziel schlechthin. Luther wird studiert und zu, für und gegen ihn wird in einem schwindelerregenden Ausmaß publiziert und „konferenziert“; er wird vermarktet und banalisiert, verkauft sich und wird auf Playmobilformat geschrumpft (7,5 cm). Jubiläen sind oft in der Gefahr, ihre Subjekte und Objekte zu ver-jubeln und zu zer-jubeln. „Laßt uns froh und Luther sein“ textete Jürgen Kaube im Feuilleton der F.A.Z. schon am 31.10.2016. Manchmal und für manchen mag der Eindruck entstehen: nachdem wir (Deutschen) mit der Wahl Ratzingers (Benedikt XVI.) 2005 „Papst“ waren, sind wir jetzt Luther.

Gegen solche Fixierung eines Reformationsjubiläums – „Reformation“ als Epochen(um)bruch – auf die Person Martin Luthers gilt: Luther ist nicht die Reformation, und die Reformation ist nicht Luther. Die Zeit war reif und überreif für radikale Reformen in der religiösen und politischen Ordnung der Katholischen Kirche wie in der gesellschaftlichen Ordnung Mitteleuropas mit ihren machtpolitischen, frühbürgerlichen und frühkapitalistischen Interessen. Luther wurde dabei zu einer zentralen, real existierenden Person, aber er wurde auch Projektionsfigur verschiedenster Ängste und positiver Erwartungen. Er war Spieler und Spielball. Er spielte auf hohem Risikoniveau und geriet dabei in die Spielinteressen anderer: der Fürsten, der Kaufleute, des Papstes und des Kaisers.

Umso angemessener und sympathischer, dass in dieser Gemeinschaftsausstellung von Renate Brühl, Miltraud Menzel-Kärling und Gisela Weiß keine Marktstrategien vorherrschen, sondern eher ein dreifacher fremder, jedenfalls verfremdender und auch kritischer Blick aufs Allzu-Vertraute und Erwartete, auf das rein Affirmative und bereits hinreichend Beklatschte geworfen wird. Denn die Reformation und die Wirkung der Reformatoren hatten nicht nur Licht-, sondern heftige und destruktive Schattenaspekte – etwa im Umgang mit Täufern und Spiritualisten, mit den Bauern und den Juden. Aber es gibt noch einen gewichtigeren Grund für einen queren und kritischeren Blick im Jubiläumsjahr: Der ehemalige Marburger Kollege Jörg Lauster hat in seiner aktuellen Schrift “Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“ (München 2017) bei aller positiven weitreichenden Wirkung der Reformation deutlich auch von ihrem oft „vergessenen Schatten“ gesprochen und bilanziert diesbezüglich:

„Die Reformation stürzte Europa ins Chaos, sie fraß ihre Kinder und auch die der anderen.“ Und ich ergänze: Viele Kinder, die von ihr erwartet wurden, hat sie nicht einmal ausgetragen und zur Welt gebracht. „In Italien und Spanien wurden alle Formen von freier Religiosität mit harter Gewalt unterdrückt, England und Frankreich versanken in blutigen Bürgerkriegen, die deutschen Territorien verwüstete schließlich der Dreißigjährige Krieg.“ (32f) „Und zu Luthers radikaler Reform und Reorganisation der Kirche: „Eine Generation nach (seinen) großen Worten zur babylonischen Gefangenschaft verfügte das Luthertum über hierarchische Kirchenstrukturen mit Anstaltscharakter und befindet sich zudem in strikter Abhängigkeit von der jeweiligen Landesherrschaft.“ (37)

Soviel zum Recht oder geradezu zur Notwendigkeit eines kritischen Blicks – jetzt aber in diesem Kontext einige Bemerkungen und Beobachtungen zu den Arbeiten der drei Künstlerinnen:

So verschieden die Zugänge zum Thema „Luther vergangen und doch da“ sind: Von den Ideen her, von den thematischen und atmosphärischen Blickwinkeln und Schwerpunktsetzungen aus betrachtet, in Hinsicht auch auf die künstlerischen Herstellungs- und Darstellungsmittel (so verschieden die Zugänge auch sein mögen): es sind bildnerische Umsetzungen, die schon darum anschlussfähig an Traditionsbildungen der Reformation sind, weil das Medium Bilddruck und Schriftdruck gerade in den ersten Jahren der Bewegung eine ungeheure Rolle gespielt hat: In dem Sinne waren Lehre und Person Luthers Print-Medienereignissen. In der Sylvesterausgabe 2016 der FR wird glaubhaft versichert, dass in Deutschland etwa im Jahre 1520 mehr als eine halbe Million seiner Schriften, oft mit Druckgraphiken (also Bildgestaltungen) versehen, auf den Markt kamen (und dies bei einer überwiegenden Zahl von Analphabeten in der Bevölkerung). Und noch einmal Hendrik Tieke aus der FR: „Luther wurde in der frühen Reformationszeit nicht nur am meisten gedruckt und zitiert, sondern auch am häufigsten dargestellt: Mal erscheint er als bescheidener Mönch, als gelehrter Doktor, mal als würdevoller Professor, wortgewandter Prediger oder Edelmann mit Ritterbart. Viele seiner eigenen Schriften enthielten solche Porträts.“ (FR Sylvester 2016, S. 32)

Überspringt und überbrückt man historische Gräben, lassen sich die drei Marburger Künstlerinnen durchaus in die Wirkungs- und damit in die Bild-medien-geschichte der Lutherischen Reformation einsetzen:

 

Gisela Weiß (um alphabetisch in umgekehrter Reihenfolge einzusetzen) hauptsächlich von ihrem Focus her auf die Darstellungen apokalyptischer Motive aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes. Darstellungen der visionären Szenen dieses Buches waren allgegenwärtig. Und mentalitätsgeschichtlich gehört Luther überdeutlich zu den Repräsentanten einer Grundangst und -erwartung eines nahen Weltuntergangs. Dabei hat er diese apokalyptische Bilderwelt für seine Feind-Projektionen instrumentalisiert: der Papst ist der Antichrist oder das Tier aus dem Abgrund – und entsprechend die Illustrationen in seinen Flugschriften. Gisela Weiß transponierte für diese Ausstellung vier kleinformatige Farbdrucke aus der Luther Bibel von 1534 auf die Bild- und Schrifttafelgröße 1.20 mal 1.60 – malerisch eine Mischtechnik, eigenständig und kreativ, aber durchaus wiedererkennbar in Bezug auf das Ausgangsmaterial.
Nach meinem Eindruck in allem trotz Feuersturm, Strömen von Blut und Gewalt eine leichte Aufhellung darin, Pastelltöne dazwischen. Und bisweilen stützen dünne Pinsel- und Filzstiftstriche das sonst Stürzende. Dazu kommen zwei früher datierte klassische Radierungen raumgreifendster apokalyptischer Feuerglut und ebensolchen Dunkels mit hellen Fetzen sterbender Kreaturen. Schließlich ein Großbild: Luther auf der Wartburg.

 

Miltraud Menzel-Kräling hat deutlich einen anderen Zugang als Gisela Weiß, aber auch bei ihr sind apokalyptische Anspielungen unübersehbar: das Blitzgewitter vor Erfurt, das seinen Lebensplan erschüttert hat / ein Blatt zum Bauernkrieg (was freilich ikonisch fast wie die Darstellung eines schönen mittelalterlichen Ritterturniers wirkt). Ein anderes Blatt zitiert – wie Heinrich Heine gesagt hat – aus der „Marseillaise der Reformation“ „Ein feste Burg ist unser Gott“ von 1529 (EG 362) „Und wenn die Welt voll Teufel wär … so fürchten wir uns nicht so sehr … “ Auf diesem Blatt sehen wir – unübersehbar – Trump zusammen mit einer anderen nicht gerade Sympathie und Vertrauen erweckenden dämonischen Person. Mehr kann ich hier zu den einzelnen Themen und der Schwingungsbreite der zitierten Texte nicht sagen – sie und die Bildwerke dazu haben bisweilen auch leicht ironische, heitere und alltagsorientierte Seiten.  Und in allen zehn Arbeiten – es sind komplex-additive, farbig gehaltene Linoldrucke – steht Luther irgendwie und irgendwo dabei, halb drinnen, halb im Gegenüber: als Leitfigur, als Zeuge, als Zuschauer des Geschehen, als vermeintlicher oder realer Autor des ins Bild jeweils eingetragenen Textes. Alles in allem: eine in sich abgerundete Bildserie. Wollte man sie kunst- und kulturgeschichtlich weiter einordnen, wäre vielleicht die Assoziation zu den Bildtafeln mittelalterlicher Bänkelsänger erlaubt.   Hinzu kommt eine plastische Arbeit.

Und schließlich zu den Exponaten Renate Brühls: Ihre künstlerische und handwerkliche Arbeit ist hoch komplex: Basis sind zumeist Tuschzeichnungen und Bildmontagen, digitalisiert, computerbearbeitet, als Folie ausgedruckt, und von dort aus geht der Arbeitsprozess weiter zu den bekannteren Verfahren des Tiefdrucks. Materialien können dabei von überall herkommen: aus den eigenen Familienalben und aus der historischen Ikonographie – so eine kompositorische Addition: Luthers klassisches Mönchsgesicht, sein Siegel, kleinformatig das Bild seiner Eltern und er und Katharina, dazu massiv sein Taufbecken. Renate Brühl experimentiert auf ihre Weise und wohl am konsequentesten mit Transformationen historischer Motive der Reformation durch die Jahrhunderte hindurch in die Gegenwart. Viele Stichworte und Bildmaterialien sind ihr da recht: apokalyptisch auch hier: „Jericho“ (die stürzenden Mauern, der Trümmerhaufen) /„Der Schleier wird gelüftet“ (der Körper der pestkrank entstellten Venus von Cranach) / „Gotteskrieger – Gotteskinder“: ein Kindersoldat in mittelalterlich glänzender düsterer Rüstung / „Im Kreuzfeuer“: Gewehre, die sich kreuzen und in der Mitte des Bildes ein  Kreuz bilden, und im selben Bild, geradezu versteckt, zwei Christusköpfe. Und der Gekreuzigte, in qualvoller Haltung, in drastischem Dunkel. „Wo der Glaube lebt“ – so der Titel. Das alles, so transponiert es ist, ist gerade auf diese Art und Weise der Lutherischen Kreuzestheologie (theologia crucis) nahe, und zugleich ist es dem Doppelgesichtigen der Reformationsgeschichte und ihrer Fortsetzung durchaus gemäß: Bilder übereinander und ineinander, ein Titel dazu: „Doppeldruck“. Und immer wieder graphische Gestaltungen zu existenziellen Grundfragen, etwa: „ … wo ist unsere Zuversicht“ (in einer Kinder-Bilder- / Bilder-Kinderstube gestellt) und ein aktuelles SOS: „Rette unsere Seelen“. Im angemessensten Fensterwinkel des Ausstellungsraums fliegt ein Luther Portrait „Eine Ikone – beflügelt“ (so der Titel) auf aerodynamisch abenteuerliche Weise davon. Aber auch hier muss ich abbrechen. – Sie werden selber sehen und mehr und auch anderes entdecken. © Gerhard Marcel Martin, Marburg 28.4. 2017

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Bücher im Verlag Blaues Schloss von G. Marcel Martin

Reihe Uni im Café 2
Martin, Gerhard Marcel
Apokalypse
Weltuntergang - innen und außen

Kartoniert, 48 Seiten
ISBN 978-3-943556-12-4
Preis: 7,95 Euro

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Bücher im Verlag Blaues Schloss von den Malern Rainer Lather,
Volker Benninghof,
Jörn Burzlaff und der Malerin Elisabeth Symon

Lather, Rainer
Machen und Sein
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Über den Versuch, Absolutes zu schaffen - Eine Biografie

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Claas Klaar

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44 Farbbildseiten
Format 17cm x 22cm
15,95 Euro

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Symon, Elisabeth
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Hardcover mit Schutzumschlag,
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108 Seiten 100 Farbseiten,
Preis: 29,00 Euro

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Buchprojekt in Vorbereitung in Zusammenarbeit mit Renate Brühl, G. Marcel Martin
und Friedrich G. Paff

Mladen Rupec
Das Wort in das Wortlose strecken
Gedichte

Format: 15,5 x 22,5 cm
Hardcover mit Fadenbindung
ca. 250 Seiten
Mit Bildern von Renate Brühl, Lackovic, Günther Blau und Heinrich Groß