Verlag Blaues Schloss Marburg

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Ulrich Schacht

Notre Dame

So, 7. Mai, 11 Uhr, Café Vetter

Egon Amman fasst „Notre Dame“ von Ulrich Schacht architektonisch auf. „Nichts weniger als eine weit gefasste Sprachkathedrale will mir dieser Roman sein … “. Wider die angeborene Zweidimensionalität steckt in der Buchseitenfläche das gotische Streben, als Kathedralraum emporzusteigen; wider die Erhebungslosigkeit erträumen die körperlosen Lettern Volumen, Raum, und Dimensionen, so dass im „Längsschiff sich die leidenschaftliche Liebesgeschichte“ ausgestaltet, während auf den „Seitenaltären und in deren Andachtsnischen die quälenden Erfahrungen mit Diktatur und Menschenverachtung“ wie heißes Wachs von den brennenden Passionskerzen tropft und erstarrt. Aber vielleicht spielt „Notre Dame“ nicht nur auf eine Kathedrale an, sondern auch auf „Unsere Frau“; vielleicht steigt nicht nur die Wirkkraft einer Kathedrale auf, sondern die einer Frau, wenn sie zu „unsere Frau“ zu „Notre Dame“ wird und Lettern körperlich, Volumen sinnlich, Raum weitherzig und Dimensionen entgrenzt werden lässt. So umfasst „Notre Dame“ das ganze Spektrum der Liebe.


Besonders wenn der Geist eines Menschen jahrelang in die Enge einer Gefängniszelle zusammengescheucht war, lernt er Großräumigkeit schätzen; wer nicht nur die Herzlosigkeit einer Strafanstalt, sondern die eines ganzen Systems bis in seine Knochen erfahren hat und wer den brechtschen Satz „So wie man sich bettet, so liegt man“, poetisch modifiziert in „So wie man gebettet wird, so liegt man“, der schätzt eine weiche Weitherzigkeit. Und wer Dimensionen als begrenzende Dimensionslosigkeit erfahren hat, der schätzt den Originalgeschmack der Freiheit, der so schmeckt:

„Wirkliche Freiheit, er hatte es oft gedacht, jetzt dachte er es wieder: Wirkliche Freiheit – war sie zuletzt nicht doch undenklich mehr als bloßer Wille? Natur also, reine Natur?! Dem Menschen geschenkt, nicht erfunden von ihm. Deswegen brach sie in der Geschichte ja immer so überwältigend auf: elementar wie Erdbeben, Vulkaneruptionen, Springfluten – wenn der Druck zu groß wurde, der Terror hemmungslos, die Lüge zu dreist. Doch wenn das stimmte, wirklich stimmte, würde der Mensch die Freiheit nie ganz vergessen können. Dann steckte sie tief in ihm, unendlich tief, um jemals endgültig herausgerissen werden zu können: in seinen Zellen, seiner Seele, seinem ganzen Seien, und dem war es, wenn es darauf ankam nichts gewachsen. Nichts! Der Beweis wurde gerade wieder einmal erbracht, niemand konnte ihn übersehen, selbst die nicht, die keine Seele hatten oder nur eine verkümmerte, die sie leugneten oder gar ausschalten wollten, um eine gänzlich neue konstruieren zu können: eine Seele ohne Seele, eine Maschine mit menschlichem Antlitz.“


Ulrich Schacht liest nicht aus seinem Roman, sondern er erzählt ihn nahezu, so vital springen die stummen Worte auf dem Papier nun aus seinem Mund. Wie einem Erzähler. Das geschriebene Wort verwandelt sich wieder in mündliche Lebendigkeit. Endlich ist es wieder das, war es einmal war, so wird es aus der Kathedrale der Lungenflügel durch Zähne in die Welt gestoßen. Der nächste Schritt wäre der erzählende Monolog eines Schauspielers, der das Buch zuvor ganz in sich aufgenommen hat und dann verwandelt ausstößt in Sprache, Rhythmus, Laut.

Ja, das nächste Mal, wenn Ulrich Schacht das vierte Mal ins Café Vetter kommt, wird gar kein Buch mehr da sein, sondern nur Person, Erlebtes, Gestaltetes, Erzähltes, Schacht.

Wer immer noch meint, schreiben habe etwas mit Lesen zu tun, der sollte dann seine Ohren spitzen.

 

Zum Buch (Verlagsangaben Aufbau Verlag)

Ulrich Schacht
Notre Dame
431 Seiten
Aufbau Verlag; Auflage: 1 (17. Februar 2017)
978-3351035860
Preis: 22,00 €

 

Sein Leben lang hat Torben Berg den Fall der Mauer herbeigesehnt, dafür gekämpft. Doch als es endlich soweit ist, wird er von einer zerstörerischen Leidenschaft überwältigt. Ein großer Roman von Faustscher Art, in dem sich die große Geschichte mit dem Liebesschicksal eines einzelnen Mannes verwebt.

Paris, Ende 1991. Der deutsche Journalist Torben Berg ist in die Französische Hauptstadt geflogen, um fern von seiner Familie den Silvesterabend zu verbringen. Zwar weiß seien zwölfjährige Tochter von der Reise, nicht aber seien Frau: Ihre Ehe ist gescheitert. Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Genau hier widerfuhr Berg anderthalb Jahre zuvor das größte Liebesglück und das größte Liebesleid. Damals begleitet ihn die junge Studentin Henrike Stein aus Leipzig, die Berg nach einem Konzert Wolf Biermanns End 1989 kennengelernt hatte. Es begann eine gewaltige erotische Liebe, die sich gleichwohl immer mehr verdunkelte und deren Schatten bis nach Paris ins Jahr 1991 reichen. Hier muss Berg einen neuen Horizont finden, der sich endlich wieder aufzuhellen beginnt.

„Ulrich Schacht gelingt das Kunststück, die Turbulenzen und Kapriolen des Nachwendejahres 1990 in einer radikalen, zärtlichen Liebesgeschichte zu erzählen. Zugleich entsteht ein ‚Seelendokument’, wie es Torben Berg, Held dieser Geschichte, nennen würde – ehrlich und unverstellt. Habt keine Angst vor dem Glück (und kämpft darum), liebe Leser, das ist es, was uns dieser Roman in jeder seiner Zeilen zuruft.“ Lutz Seiler.

Ulrich Schacht wurde 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren und wuchs in Wismar auf. 1973 in der DDR wegen „Staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt, wurde er 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Dort arbeitete er als Feuilletonredakteur und Chefreporter Kultur für Die Welt und Welt am Sonntag. Schacht erhielt verschiedenen Preise, Auszeichnungen und Literaturstipendien, u.a. den Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus und den Eichendorff-Preis. Seit 1989 lebt Ulrich Schacht als freier Autor in Schweden. Zuletzt bei Aufbau: Vereister Sommer (2011) und Grimsey (2015), wofür er den Preis der LiteraTour Nord gewann.

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