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H. G. Wells: Pionier der Science Fiction
und Literat der Globalisierung

Prof. Dr. Heinz-Joachim Müllenbrock (Göttingen)

So, 21. Januar 2018, 11 Uhr, Café Vetter

Ludwig Legge stellte den Referenten mit den Worten vor:

 

"Wir haben heute einen Referenten, der schon einige Mal hier war, nämlich Professor Heinz- Joachim Müllenbrock. Ich würde Sie gern auf zwei seiner Veröffentlichungen in "Uni-im-Café" hinweisen: Einmal die über den Autor von Gulliver's Travels, Jonathan Swift, zum anderen den Vortrag über Daniel Defoe, den Autor von Robinson Crusoe. Zudem hat er sich mit Orwell beschäftigt. Er wird im Laufe des Vortrages noch einmal auf ihn zurückkommen.

H.G. Wells, meine Damen und Herren, ist ein Autor, der teilweise vergessen ist. Eigentlich kennt man ihn heute nur noch als Autor von Science Fiction. Selber hat er es übrigens nicht so genannt, sondern er sprach von scientific romance. Er war zwischen den Weltkriegen sehr populär, auch in Deutschland. Er hat sowohl hier als auch im anglo-amerikanischen Raum zahlreiche Vorträge gehalten. Er war also eine große Persönlichkeit.

Wells stammte aus einfachen Verhältnissen, aus der unteren Mittelschicht. Seine Mutter hatte immer Wert darauf gelegt, sich gegen das Proletariat abzugrenzen. Möglichst keine Liebschaften aus diesen Bereichen. Er ist als Schriftsteller durchaus zu Reichtum gekommen. Wells ist einer der großen Beginner der Science Fiction. Filme wie “Die Zeitmaschine“, „Die ersten Menschen auf dem Mond", „Krieg der Welten.“ Diese Filme waren und sind noch sehr populär."

 

 

Heinz-Joachim Müllenbrock leitete seinen Vortrag ein:

"Ich freue mich, heute zu Ihnen sprechen zu können, hier im Café Vetter, wo ich schon mehrfach ein interessiertes Publikum gehabt habe. Als alter Fußballer darf ich heute diese Partie als Heimspiel betrachten. Herrn Legge danke ich ganz herzlich für die erneute Einladung und für die Möglichkeit, sein großes Engagement für die Belange der Literatur und der Neuen Literarischen Gesellschaft unterstützen zu können.

Heute möchte ich über einen Autor sprechen, mit dem ich sozusagen von Kindesbeinen an vertraut bin. Mit Kindesbeinen meine ich meine studentischen Fortbewegungswerkzeuge. Denn meine akademische Laufbahn verlief über mehrere Etappen, die mit dem Namen Wells verbunden waren.

Zunächst schrieb ich meine Staatsexamensarbeit über Wells, der dann auch eine zentrale Rolle in meiner Dissertation spielte, die 1967 in Buchform unter dem Titel 'Literatur und Zeitgeschichte in England zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ausbruch des ersten Weltkrieges' veröffentlicht wurde. Auch später habe ich Wells nie aus den Augen verloren und mehrere Aufsätze über ihn verfasst. In meinen Vorlesungen zur Geschichte der Englischen Utopie hatte er stets einen festen Platz inne. In der jüngsten Zeit habe ich mich publizistisch und in wissenschaftlichen Zeitschriften über ihn geäußert. Wobei meine Aufmerksamkeit vor allem dem politischen Schriftsteller Wells galt, der die Entwicklung seines Landes als kritischer Kommentator begleitete und sich namentlich als Propagandist eines Weltstaates im europäischen und transatlantischen Austausch politisch-sozialer Ideen profilierte. Auf diesen Wells werde ich später noch zurückkommen.

Heute soll eine Werkgruppe im Mittelpunkt stehen, die ihn sogleich in die vorderste Reihe englischer Schriftsteller katapultierte und die seinen literarischen Ruf im engeren Sinn bis heute ausmacht: seine Science Fiction-Erzählungen. Diese waren nicht nur literarisch eine Sensation. Auch unter biografischen Aspekten müssen sie als ein kleines Wunder bezeichnet werden. Während seine Sience Fiction in kosmische Dimensionen führt, schien der junge Wells auf Grund der kärglichen Lebensumstände in seinem Elternhaus für immer auf ein winziges Format festgenagelt zu sein. Ein dürftiges Dasein in ärmlichen Verhältnissen schien ihm beschieden.

Ich veranschauliche Ihnen Wells' existenzielle Anfänge, indem ich unter enger Anlehnung an seine Autobiografie „Experiment in Autobiography“ das engste soziale Umfeld des künftigen Autors beschreibe. Herbert George Wells wurde am 21. September 1866 in dem damals noch von London abgeschiedenen Städtchen Bromley in der Grafschaft Kent in eine Familie der unteren Mittelklasse geboren. Dieses soziologische Eingangsdatum liefert den Schlüssel für das Verständnis von Wells gesamtem Werdegang. Und zwar einen Schlüssel in zweifacher Hinsicht: Einerseits lieferte der schäbige und kärgliche Hintergrund seiner Jugend den Ursprungsimpuls für den innerlich früh vollzogenen Ausbruch aus der als Zwangsjacke empfundenen Enge einer gesellschaftlichen Umgebung. Andererseits war seine Zugehörigkeit zur unteren Schicht der Mittelklasse verantwortlich dafür, daß er unter dem Einfluss seiner auf Abgrenzung von der Arbeiterschaft bedachten Mutter, die als Zofe auf einem Adelsgut beschäftigt war, ebenfalls ein tiefes Abgrenzungsbedürfnis gegenüber dieser Klasse entwickelte. Dieses Vorurteil hat er nie abstreifen können. Lenin hatte ihn später als incurably middle-class bezeichnet, „unheilbar bürgerlich“. In keiner seiner Utopien hat Wells trotz durchaus vorhandener sozialistischer Sympathien der Arbeiterschaft eine gestaltende Rolle zugetraut. Die Umgestaltung der kritisierten gesellschaftlichen Verhältnisse kommt stets von oben.

Die folgende Charakterisierung seines engsten sozialen Umfeldes gibt Einblick in seine Kindheitserfahrungen. In der Highstreet No. 47 befand sich ein winziger Kramladen, in dessen Schaufenster die Gestalt eines Atlas prangte, der eine Lampe an Stelle der Welt trug. Hinter dem Laden, in dem Töpfer- und Glaswaren, Porzellan und Cricketausrüstung in bunter Unordnung meist vergeblich um Aufmerksamkeit wetteiferten, lag eine winzige Stube mit einem Kamin und Ausblick auf einen kleinen Hof, der die einzig Möglichkeit zum Spielen im Freien bot. Eine enge Treppe führte hinunter in die Souterrainküche, die ihr Licht durch ein vergittertes Fenster erhielt. Das war der Blickwinkel des kleinen Wells, der auf der Straße keine Menschen, sondern nur Stiefel sah, die vorbeigingen und ihn durch ihre Beschaffenheit auf Berufe und soziale Stellungen ihrer Träger schließen ließen. In einer ausgesprochenen Klassengesellschaft wie England muss dieser Blickwinkel geradezu eine soziologische Augenweide gewesen sein."

 

 

Müllenbrock führte des Weiteren im akribischen und treffsicheren Stil, der an die besten Zeiten der Ordinarien-Kompetenz erinnerte, durch die Hauptwerke Wells‘. Unter der Anregung durch Thomas Henry Huxleys kritische Interpretation der darwinschen Evolutionslehre versuchte Wells Möglichkeiten der Menschheitsentwicklung im Medium der Sience-Fiction zu ergründen. Seine berühmten wissenschaftlich Märchen wie „The Time Machine“, „The War of the Worlds“, „When the Sleeper Awakes“, „The first Men in the Moon“ können als literarischer Respons auf Henry Huxleys Deutung möglicher Auswirkung der darwinschen Evolutionslehre gelesen werden.

Der „Seismograph“ des Zeitgeistes des 19. Jahrhunderts H. G. Wells gestaltete - in Erinnerung an die winzige Souterrain-Küchenstube - in späteren Jahren literarisch den alles umspannenden Weltstaat aus, um mental der Kargheit und Armut seines Zimmers mit den vergittertem Blick zu entkommen.

Einem Zimmer, das Wells als das Unglück aller Welt erscheint, und als ein Unglück, es nicht verlassen zu können. Ganz im Gegensatz zu dem Franzosen Blaise Pascal, der hingegen dem Verlassen seines Zimmers alles Unglück der Welt zugeschrieb.

So verschieden können die Auffassungen von der Ursache des Unglücks sein.

Einige kritische Stimmen aus dem Publikum verwiesen auf die bedenkliche Verwicklung Wells‘ mit vorherrschenden Meinungen des Zeitgeistes des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum Beispiel hinsichtlich der Eugenik. Eine weitere Stimme fand es hingegen bedenklich, vergangene Zeiten an den Maßstäben des aktuellen Zeitgeistes zu messen.

Zumal, wenn er sich ausschließlich als letztgültig dünkt und wie jeder Zeitgeist glaubt, er sei die höchste Wahrheit: Sei es der des 19. oder der des 21. Jahrhunderts.

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