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Jules Barbey d ‘Aurevilly (1808 -1889)

– in Frankreich wiederentdeckt, in Deutschland unbekannt.

Prof. Dr. Hermann Hofer

Uni im Café So, 28. Januar 2018, 11 Uhr, Café Vetter, Marburg

 

Einleitung Ludwig Legge:

Photo von: K.- H. Schumacher

 

"Ich freue mich, dass Sie zu diesem Vortrag erschienen sind, denn mit Hermann Hofer haben wir einen sehr engagierten Romanisten, aber nicht nur, sondern auch einen Autor. Deshalb wird er Ihnen eingangs auch aus seinem neusten Buch “Abflughafen für Schließfachgedichte“ einige Gedichte vorstellen, und wir haben mit ihm auch einen Regisseur, also ein Multitalent, was heute unter Professoren die Ausnahme ist.

Er hat sich ein Thema gestellt, was uns aufmerksam machen soll auf einen Autor, der in Deutschland ziemlich unbekannt ist. Allerdings nicht ganz, denn immerhin gibt es hier ein Taschenbuch von Goldmann, die Übersetzung seines bekanntesten Werks "Les Diaboliques", „Die Teuflischen“, und er hat in der Manesse-Bibliothek ein weiteres Buch „Der verheiratete Priester“. Im Vorgespräch waren wir übereingekommen, von den Klassikern, die Sie alle kennen, Flaubert, Balzac und Stendhal abzusehen.

Photo von: K.- H. Schumacher

 

 

Meine Damen und Herren. Wer ist denn dieser Autor? Ein normannischer Adliger, ein Dandy, ein Literaturkritiker, ein Prosaautor. Nach Zola ist er ein „hysterischer Katholik“ gewesen. Und da haben wir schon einen Widerspruch. Dieser Autor, der wegen des Verstoßes gegen Sitte und Moral vom Staatsanwalt ins Visier genommen wurde, ist seitdem Katholik geblieben.

In Literaturgeschichten finden Sie oft, dass er seiner Überzeugung nach als Manichäer gilt, vereinfacht gesagt: Gut und Böse als zwei Seiten der gleichen Medaille. Wir werden aber von Hermann Hofer viel Genaueres darüber erfahren. Als Autor hat sich Hermann Hofer als Charles Ofaire, weil er auch in französisch schreibt, hier auch bereits schon vorgestellt mit einem Roman und ich freue mich sehr, dass er heute auch aus seiner unverwechselbaren Lyrik vorliest."

Anmerkung: In dieser Dokumentation wird die dem Vortrag vorangestellte Lyrik als eigener Beitrag angefügt.

 

Bekanntgabe einer süßen Kapitulation

Alle Perlen aus den aneinandergereihten Teilen des Vortrags „Jules Barbey d ‘Aurevilly (1808 -1889) – in Frankreich wiederentdeckt, in Deutschland unbekannt“, des Romanisten Hermann Hofer aus seiner voluminös sich ausgestaltenden Odyssee durch das Labyrinth nicht nur französischer Literatur aufschimmern zu lassen, wird mir kaum möglich sein.

Zumal beim ersten Hören und ohne Manuskript -, weil die in Geschwindigkeit geschulte Zunge des Vortragenden und sein im Kombinieren und Synthetisieren durchtrainierter Esprit streckenweise so schnell die Silbensturzflut artikulierten, dass die Geschwindigkeit der Schallwellen einfach zu langsam war, - soweit ein Versuch, eine rationale Ursache zu finden. Der zweite Versuch war: die vernommene Silbensturzflut musikalisch aufzufassen. Ja, gleichsam einem musikalischen Aufrauschen wie das Brechen und Branden einer vielversprechenden kraftvoll gesättigten Woge mit herrlichem Ausrauschen über dem in der Sonne aufleuchtenden Sand, sodass mein Verstand mehr über Klang als über Silben zu sinnieren oder zu sensualisieren begann.

Was aber hat Meeresbrandung oder das Rauschen des Wassers mit Musik zu tun? An einem lichtdurchflimmerten Ort im Wald habe ich einst vom rauschenden Wildbach vernommen: „Schon in meinem Quirlen sind alle Töne der Musik enthalten.“

Ja, so haben quirlende Bäche hin und wieder mit Kindheit zu tun. Es wundert nicht, dass auch Hofer seinen Vortrag mit einem Rückblick auf seine Kindheit einleitete:

„Als ich klein oder jung war, sprachen meine Lehrer nicht von Jules Barbey d ‘Aurevilly. Ich habe ihn zufällig mit 15 Jahren kennengelernt. Damals in einer einzigen Nacht habe ich ‚Ein verheirateter Priester‘ gelesen. Die Begeisterung ist auf andere übergesprungen. So auch auf Simone de Beauvoir, die ihn durch mich gelesen hat. Ich habe dann den Roman in Folge als Taschenbuch ediert und ins Deutsche übersetzt. So groß ist die Begeisterung für ihn gewesen.“

Zur Stellung von Jules-Amédée Barbey erläuterte Hofer:

„Er ist neben Flaubert und Zola der große Name des Französischen Romans in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wie Flaubert war er Normanne. Flaubert, Zola und Barbey waren miteinander innig verbunden: in der Ablehnung. Zola und Flaubert verachteten Barbey. Wenn sie sich mal in Paris trafen, was nicht ganz zu vermeiden war, grüßten sie sich nicht und kommentierten in ihrer Korrespondenz genüsslich, dass sie den anderen nicht gegrüßt hatten.“ Hofers Lächeln wurde kindheitsgleich: „Eine Intimfeindschaft.“

Hofer ließ an seinem narrativen Faden die Vita Barbeys beginnen wie die erste Perle an einem durchschnittenen kosmischen Rosenkranz, dessen Ende ins Uneinsehbare läuft: „Er ist 1808 in der Normandie in Saint-Sauveur-le-Vicomte zur Welt gekommen. Er fühlt sich als Normanne, benutzt auch normannische Quellen für seine Romane, namentlich Legenden von Sauveur.“ Hofers Kurzurteil zum recht verschlafenen Ort: „Es ist ein kleines Kaff gewesen, ein kleines Kaff geblieben.“ Was aber Barbey „beeindruckt und interessiert, sind die Legenden im Lande und merkwürdige Gestalten, die dann später teilweise in den Romanen auftauchen.“

Das Verhältnis zu den Eltern legte Hofer so kurz wie schmerzhaft dar: „Die Mutter hält ihn für hässlich. Das sagt sie ihm auch mehrmals. Es war eigentlich eine unglückliche Kindheit.“ Die Eltern hatten ihn früh weggeschickt. Erst in Paris trifft Barbey jemanden, der für ihn als Freund wichtig ist.

 

Das Geheimnis bleibt sein Geheimnis

„In Paris“, so fuhr Hofer in seiner quecksilbrig perlenden Sprache fort, die den Bewegungen des Fadens folgen möchte, an dem statt Perlen, sich Quecksilber zu Passionsperlen aufreiht „studiert Jules-Amédée Barbey, wie viele Dichter, Jura. Er schließt das Studium sogar mit einem Doktorat ab, allerdings übt er nie den Beruf eines Juristen aus.“ Hofer kommentierte knapp und klar: „Es war gut für ihn.“ Barbey ging dann nach Paris, wo er für kurze Zeit Literaturkritiker wird. Zum Grund seines Erfolgs sagte Hofer: „Das Geheimnis bleibt sein Geheimnis. Er hat das Talent. Das Talent wird erkannt.“

Hofer ergänzte, dass Kritiken damals sehr, sehr gut bezahlt wurden und in Paris die Kritiken eine wichtige Sache waren. „Heute ist es eine leichtfertige Angelegenheit geworden. Damals natürlich nicht. 30, 40 Seiten! Da muss man sich schon was überlegen: Das ist Mist oder kommt gleich in den Himmel.


Jules-Amédée Barbey ist ein Kritiker von ungeheurer Luzidität

„In 38 Reisebänden, die er geschrieben hat, findet sich“, so Hofers Einschätzung „glaube ich, kein einziges Fehlurteil. Chapeau!“ Dass man das von heutigen Kritikern nicht sagen kann, ergänzte der Romanist mit schmal werdendem Mund. Dann wieder ein Ofaire-Lächeln, das eine Liebeserklärung an die Literatur ist: „Alle Großen hat Barbey entdeckt. Seine Entdeckung Baudelaires! Er hatte 1856 seine großen Literaturprozesse, bei denen er den französischen Staat gegen sich hatte. Aber was sagte hingegen Barbey, in einem seiner Artikel? „Was Dante für das Mittelalter gewesen ist, ist Baudelaire für die Moderne. Punkt! Man kommt aus dem Staunen nicht raus. Barbey hat natürlich recht gehabt. Mit Baudelaire beginnt die Moderne in der Lyrik.“


Als Mensch erregt Jules-Amédée Barbey Aufsehen durch sein Dandytum

Hofer enthüllte Details der Verhüllung: „Er bemalt sich sehr auffällig. Er trägt ein Stahlkorsett, um seine schöne Taille zu betonen, und Kostüme, die sonst keiner in Paris trägt. Er fällt auf. Auch durch seine Bonmots: „Ich bin ein Mann des Jahres 1000“, sagt er zum Beispiel. Was nicht stimmt. Wenn einer modern ist, dann ist es er. Eine Frau, die ihn sehr geliebt hat, er sie nicht, hat von ihm gesagt: „Jules-Amédée Barbey ist ein schöner Palast, in dem sich ein Labyrinth verbirgt.“ Das ist eine wunderbare Definition. Oder eine Selbstaussage: „Das Leben verbrennt mich. Aber wie der Salamander lebe ich in diesem Feuer.“ Lakonischer Unterton Hofers: „Barbey überlebte wenigstens.“

Dass Jules-Amédée Barbey als ein Mann der Rechten bezeichnet wird, dem konnte Hofer nicht zustimmen. „Warum ist mir schleierhaft. Ist er nicht.“ Barbey sagte, dass er gläubig sei. „Das glauben ihm die Katholiken nicht, die ihn ebenso ablehnen wie die politische Rechte. Barbey! Er gehört einfach nirgends dazu. Das macht seine Originalität aus und er spielt ein bisschen damit.“

Hofer charakterisierte ihn als einen geschätzten Mann für alle möglichen Diskussionen und Auftritte. „Daneben“, fuhr Hofer seidenbefliessen fort. „schafft er ein ganz provozierendes Romanwerk, provozierend für die meisten Leser. Die Provokation endet 1864 in einem der größten öffentlichen Literaturprozesse der französischen Literatur. Noch in der 3. Republik werden Les Diaboliques und seine Hauptwerke von der Republik! verboten, nach einem ganz genauen Studium des Textes, mit dem Hinweis „wegen Verderbnis der Moral und der guten Sitten“. Das Urteil ist bis heute nicht aufgehoben worden. In Paris ist es niemandem aufgefallen. Was natürlich die Verleger nicht gehindert hat, das Werk herauszugeben. Klar!“

 

Am Ende seines Lebens wird Jules-Amédée Barbey sehr berühmt.

Hofer unterstrich die Berühmtheit mit wenigen Worten: „Alle jungen Autoren scharen sich um ihn. Besser geht es nicht.“ Zudem sei nicht zu vergessen, dass Nietzsche ein großer Leser von Barbey gewesen ist.

Kurz vor seinem Tod schreibt Jules-Amédée Barbey seinen letzten Text. Hofer nannte das letzte authentische und geschriebene Wort:

„Das einzige, was wichtig ist für uns sind zwei armselige Holzstöckchen, die man übereinadergelegt hat zu einem Kreuz.“


 

„Nach seinem Tod bleibt er berühmt“, nahm Hofer seinen Labyrinthfaden, dessen Ziel vom Dunklen umhüllt war, wieder auf und verwies auf große französische Autoren des 20. Jahrhunderts, die ohne Barbey nicht denkbar sind. Auch Marcel Proust hat sich auf ihn berufen. „Ein besseres Zeugnis für Bedeutung gibt es nicht.“

Die Zeugnisse der zeitgenössischen Professoren an der Universität betrachtete Hofer hingegen eher als Zeugnisse über die Professoren selbst: „Wie üblich, sind sie natürlich die langsamsten gewesen. Langsamer als an der Universität geht nicht. Das ist nach wie vor so.“

Dann analysierte Hofer scharfsichtig, als sehe er einen Lichtschimmer auf dunklen Wegen in der nächtlichen Normandie: „Man musste erst gewisse Klischees überwinden. Die Klischees lauteten: Barbey sei ein Satanist gewesen, oder ein rechter Katholik, oder ein Revanchist, oder ein Normanne, der sich in Legenden verkrochen hat. Und, und, und. Alles bei Professoren nachzulesen. Alles eigentlich ziemlich peinlich.“

 

Wo anfangen bei Barbey in seinem großen Werk?

Hofer setzte dort an, wo er ihn am besten greifen kann, nämlich in seiner Art zu erzählen: „Wenn Sie die Erzählkunst der Leute überblicken, die die großen Romane geschrieben haben bis hin zu Flaubert, stellen Sie fest: Die erzählen eine Geschichte und geben vor: ‚Ich weiß alles. Ich bin allwissend.‘ Sie können das nachprüfen bei Madame Bovary. Flaubert sagt einfach: Ich kenne alles. Ich weiß, was Madame Bovary getan hat, und er hat Bovary gar nicht gefragt.“ Hofer-Lächeln huschte kurz im fuchshellen Gesicht auf: „Gut. Ich übertreibe immer ein bisschen. Solche Dinge ärgern natürlich.“

„Romane schreiben ist eine schwierige Sache“, nahm Hofer gleichsam als ein Theseus der Literatur den Faden in seinem Sprach- und Literaturlabyrinth wieder auf: „Paul Valéry hat mal gesagt: ‚Ich werde keinen Roman schreiben, denn jeder Roman beginnt mit dem gleichen Satz: Madame Dupont ist heute Nachmittag um 5 Uhr ausgegangen. Punkt. Eine herrliche Definition natürlich!“, blitzten Hofers nachtlichtgeübte Augen, die aber auch nachmittags gut sehen, ins gespannte Publikum. „Sie können jeden Roman lesen bis hin zu Bovary. Das Klischee stimmt natürlich.“

Hofers feinnerviger Schluss: „Das heißt, der normale Autor erzählt ihnen eine vorfabrizierte Geschichte. Das interessiert Barbey überhaupt nicht.“ Sondern etwas anderes: „Er lässt nämlich seine Geschichten in den meisten Fällen in der Geschichte, also in der Erzählung selber entstehen. Das macht ihn natürlich zum absoluten Revolutionär der Romantechnik. Das heißt, die wahre Geschichte ist oft der entgegengesetzt, die sie entstehen lässt im fiktiven Roman. Was dazu führen kann oder oft dazu führt, dass der Erzähler sich vermengt mit dem Zuhörer. Dass die beiden identisch werden. Eine absolute Revolution! Im Französischen ist es wunderbar angedeutet mit narrateur und narrataire. Das kann man im Deutschen nicht. Im Deutschen muss man zwei Begriffe nehmen.“

Hofer gab ein Beispiel, das den Faden zur Kindheit wieder aufnahm:

„Es kann dann sein, dass ein Kind eine Erzählung hört (so wie bei Barbey) und diese Erzählung ist unvollständig. Das Kind wird dann in der Folgezeit versuchen, nach Fragmenten, Berichten, eigenen Recherchen kriminalistisch tätig zu werden, um das Ende der Geschichte, die nicht vollkommen ist, zu finden.“

Hofer veranschaulichte diese Techniken auch am Beispiel des Werks: "Die Besessene".

Zwei Männer reiten durch die Normandie und hören um Mitternacht das Glockenläuten einer Kirche, obwohl um dieser Zeit nie Glocke läuten und eine Messe gehalten wird … Das veranlasst den mitreitenden Begleiter dazu, die Geschichte über den Priester zu der erzählen, der … … Weiter am besten selbst nachzulesen in: "Die Besessene"


 

CHARLES OFAIRE liest aus
ABFLUGHAFEN FÜR SCHLIESSFACHGEDICHTE

CHARLES OFAIRE
ABFLUGHAFEN
FÜR SCHLIESSFACHGEDICHTE

70 Seite, 27 s/w Grafiken
edtion splitter, Wien
ISBN 978-3-9504404-1-6
www.splitter.co.at

 

Liebe Freunde, Freundinnen, Bekannte, Altbekannte,

ich beginne, auf Anregung von Herrn Legge, mit der Lektüre einiger meiner letzten Gedichte. Ich habe den Versuch gemacht, etwas zu schreiben in den vier Sprachen, in denen ich Zuhause bin: in französisch, deutsch, provenzalisch und alemannisch. Das Buch ist in vier Sprachen in Wien erschienen.

 

Dass mir Sprache Spaß macht, ist klar,
dass mir Sprachen noch mehr Spaß machen, ist auch klar!

 

Also zu Beginn einige wenige Beispiel aus diesem Gedichtsband.

 

 


 

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Lieber Herr S.,

vielen Dank für das - wie immer - schöne Buch, eine Totenerweckung, eine
Totenrettung. Alastair hat es verdient.

Er hat 9 Zeichnungen gemacht zu LA VENGEANCE D'UNE FEMME von Barbey!
Wien 1924.

Man kennt ihn über Meyrink, Rimbaud, Nerval, Beardsley, und das verkürzt
ihn, das ist viel zu wenig.

Ihnen und Manfred Zieger wünsche ich begeisterte Rezensenten.

 

Herzliche Grüsse

Hermann Hofer

 

Zieger, Manfred
Alastair
Ein außergewöhnlicher Europäer
Vom Rechtzeitigen des Anachronismus
Kartoniert: 130 Seiten, 10 s/w Grafiken,
6 Farbgrafiken
Format: 15,5 cm x 23 cm
ISBN 978-3-943556-72-8
Preis: 16,00 €

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