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„Wenn die Liebe ruht“

von Drago Jančar

ein Roman aus dem slowenischen von Daniela Kocmut,
deutsch gelesen von Emilia Blumenberg


im Café Vetter am Sonntag den 20. Oktober 2019.

 

„In jedem Menschen ist ein Gutes und ein Böses verborgen.“

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums mit der Partnerstadt Maribor lud die Neue Literarische Gesellschaft mit Drago Jančar einen der bedeutendsten slowenischen Schriftsteller nach Marburg ein. Emilia Blumenberg trug Passagen des Romans in Deutsch vor.

Der Roman spielt in Maribor an der Drau in der Zeit zum Ende des Zweiten Weltkriegs und behandelt nicht nur die Gräuel der Besetzung durch die Nationalsozialisten sondern zeigt auch die der Partisanen auf.

Auf die Frage: Was die Botschaft seines Romans „Wenn die Liebe ruht“ ist, antwortete der Drago Jančar: „In jedem Menschen ist ein Gutes und ein Böses verborgen.“

Das ist sicherlich eine alte Weisheit, die aber immer wieder verloren geht, um dann recht schmerzhaft wiederentdeckt zu werden.

Dass ein Roman, der die Höhen und Abgründe der menschlichen Natur über die Grenzen ideologischer Lager hinaus heutzutage mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet wird, scheint wie ein Schimmer am sonst recht dunklen kulturellen Horizont. Sicherlich wird dabei auch die Brillanz der sprachlichen Durchführung eine Rolle gespielt haben. Man kann sie als Rettung des Romans vor seinen üblichen Untiefen im gegenwärtigen literarischen Geschehen bezeichnen.



Denn Drago Jančar findet zum eigentlichen Wesen des Romans zurück: nämlich dass der Roman eine Sprachkomposition ist, in der nicht wie üblich, beliebige, zufällige Erzählsplitter aneinandergeplappert werden, sondern, dass im Roman Jančars jede Bemerkung, jede Beschreibung, jeder Dialog, jede Metapher, gleichsam wie Noten in einem Orchesterstück, sich in den Dienst des Ganzen stellt - bezogen auf den Roman: in den Dienst der verdichteten Veranschaulichung. Die Details finden sich somit (neben ihren oberflächlichen Bedeutungen) zum Symbol, zum Unheilschwangeren, zur Bedrohung so intensiv und unentrinnbar zusammen, dass nicht nur das bedrohte Opfer in allen Fasern seines Leibes und seiner Wahrnehmung die tödliche Gefahr, die einsame Angst, den unerträglichen Schmerz erwittert, sondern auch der Leser in große Alarmbereitschaft gerät.

Hier findet das Sprachvermögen eines Dichters zur vollen Kompetenz zurück; hier wird deutlich, zu was eine geformte, gestaltete, durchdachte als auch durchfühlte Sprache befähigt ist; hier erreicht der Roman eine Tiefe, die ihm vom Genre her gebührt, ja, die sein Wesen ist, nämlich den Zufall als das zu enthüllen, was er eigentlich in seinem Untergrund ist: Konsequenz und daraus folgend, ein Verhängnis.

Die Harmlosigkeit des Romananfangs, dass die junge und begabte Medizinstudentin Sonja den SS Mann Ludek wiedererkennt, der sie (beide noch Kinder) beim Skifahren hilfsbereit aus dem Schnee gezogen hatte; ihr Versuch, für ihren Freund Valentin, der sich in der Folterhaft der deutschen Besatzer befindet, um Hilfe zu bitten; dieser menschliche und freundliche Beginn lässt für einen Augenblick auch auf ein gutes Ende hoffen.
Dass aber ganz im Gegensatz dazu Sonjas Hilfsbereitschaft im Eismeer der kalten Bosheit erfriert (sie endet im KZ); dass ihr Freund Valentin ihr seine Rettung nicht dankt, dass eben der gute Anfang nicht zum guten Ende führt, das widerspricht unserer inneren moralischen Logik, deren Konsequenz unzerreißbar mit Gerechtigkeit verbunden ist, so sehr, dass die Erkenntnis, dass auch der Mensch, in dem das Gute überwiegt, zerstörbar ist, uns den letzten Grund in unserer Tiefe unter den Füßen fortzureißen droht.


(Verlagsinformation Zsolnay)
Drago Jancar
, geboren 1948 in Maribor, lebt in Ljubljana und gilt als der bedeutendste zeitgenössische Autor seines Landes; seine Romane, Essays und Stücke wurden in viele Sprachen übersetzt. 1974 wurde er wegen „feindlicher Propaganda“ inhaftiert. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Kresnik-Preis (1999, 2011 und 2018), den Jean-Améry-Preis für Essayistik (2007) und den Prix Européen de Littérature (2012). Zuletzt erschienen die Romane der Galeerensträfling (2014) und die Nacht, als ich sie sah (2015).

Daniela Kocmut, geboren 1980 in Maribor, aufgewachsen in Kärnten, lebt als Übersetzerin und Dolmetscherin in Graz unterrichtet slowenisch.