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Oberhessische Presse 25.11.2013


Flagschiff der Marburger Literaturszene

40 Jahre Neue Literarische Gesellschaft: Jubiläum wurde am Samstag mit Festakt im Rathaus gefeiert

Einen Kuchen und viele herzliche Worte gab es am Samstag im Marburger Rathaus für die Neue Literarische Gesellschaft. Eines machten alle Redner klar: Die NLG gäbe es ohne Ludwig Legge in dieser Form nicht.

Bild Legge

„Vielen Dank für 40 Jahre NLG“ steht auf der Torte, die Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach (links) und Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner (rechts) Ludwig Legge überreichten.Foto: Badouin

Marburg. 40 Jahre Neue Literarische Gesellschaft (NLG), 40 Jahre Lesungen im Café Vetter: Das sind rund 1300 Autorenlesungen, darunter zwei Literaturnobelpreisträger und neun Georg-Büchner-Preisträger. Das sind die nackten Zahlen. Doch verbirgt sich dahinter viel mehr, wie die Redner am Samstagvormittag deutlich machten.

Die ursprünglich geplanten 90 Minuten für den Festakt reichten bei weitem nicht aus, um die Verdienste des Literaturvereins und ganz besonders die des Vorsitzenden Ludwig Legge angemessen zu würdigen. Als „Flaggschiff der Marburger Literaturszene“ bezeichnete Stadträtin und Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach (SPD) die NLG. Doch den rund 300 Mitglieder starken Verein gäbe es nicht ohne einen Mann, der einen Großteil seines Lebens ehrenamtlich für die NLG gearbeitet hat: Ludwig Legge, selbst ein Dichter und Autor, steht dem Verein seit 40 Jahren vor.

Laudator Professor Horst Schwebel, ein Mitglied der ersten Stunde, sprach angesichts dieser langen Zeit, die Legge als Vorsitzender der NLG tätig ist, von einer „konstitutionellen Monarchie“. Schwebel meinte dies keineswegs abwertend, sondern voller Hochachtung vor den Leistungen des Vorsitzenden.

Legge und Schwebel machten aber auch deutlich, dass dieses ehrenamtliche Engagement nur möglich gewesen sei, weil Legges Ehefrau Gabriele Ziehr die Familie ernährte. „Mein Erfolg ist auch ihr Erfolg“, sagte Legge, der seine gesamte Energie in den Verein steckte und auch mit 76 Jahren noch immer steckt.

Inspiriert von der Aufbruchstimmung der frühen 1970er Jahre gründeten Legge und der verstorbene Reinhard Spalke 1973 die NLG. Die erste Lesung fand am 4. November 1973 im Café Vetter statt - fünf Autoren präsentierten „ungemein experimentelle Texte“, erinnerte sich Schwebel. Das Café ist über all die Jahre Gastgeber für die NLG geblieben und sorgt so für die einzigartige Atmosphäre der NLG-Lesungen.

Die NLG wollte Marburg aus dem literarischen Dornröschenschlaf wecken, wie Schwebel betonte. Und es ist ihr gelungen: Schnell kamen die großen Autoren der Zeit nach Marburg - Günther Grass, Rolf Hochhuth, Martin Walser, Günther Zwerenz, Max von der Grün. Es waren Autoren, die mit ihren Texten die bundesrepublikanischen Debatten befeuerten.

Politisch blieb auch die NLG.In den 1980er Jahren griff sie mit ihren Programmen auch in die politischen Debatten ein. Sie präsentierte viele Dissidenten aus dem damaligen Ostblock - nicht immer zum Wohlgefallen der Stadtväter. Die Dissidenten allerdings dankten dem Verein nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Erich Loest etwa las achtmal bei der NLG, Walter Kempowskis „Echolot“ bekam in Marburg eine ganz besondere Ehrung: Eine Woche lang wurde das Buch von rund 200 Marburger Bürgern in einer Non-Stop-Lesung präsentiert.

Vier Ministerpräsidenten und drei Oberbürgermeister hat Ludwig Legge kommen und gegen sehen, er blieb als gewählter Monarch Vorsitzender des Vereines. Kerstin Weinbach bezeichnete das rein ehrenamtliche Engagement als „einzigartige Leistung“.

Gratulieren wollte auch Professor Sergej Nikolajevic Jesin, der ehemalige Direktor des Moskauer Gorki-Instituts. „Uns verpflichtet eine lange Freundschaft“, sagte Jesin. Er überbringe der in Moskau „berühmten Stadt Marburg“ Grüße aus seiner Heimat. Die NLG sei ein erstaunlicher Verein. In einer Zeit, in der das Interesse an Literatur beständig zurückgehe, erinnere die NLG die Menschen beständig an die Literatur. „Die Russen“, so Jesin, „rufen zu solchen Anlässen einfach Hurra!“.

Axel Vetter, in der vierten Generation Chef des altehrwürdigen Café Vetter, hob die vielen namhaften Autoren hervor, die durch die NLG den Weg nach Marburg und in sein Café gefunden hätten. Auch die neue NLG-Reihe „Uni im Café“ erweise sich als Volltreffer. Deren Erfolge und Ziele hob auch Professor Arbogast Schmitt hervor: „Die Reihe ist eine überaus kluge Erweiterung des Programms.“ Durch die Zusammenarbeit mit dem Marburger Verlag Blaues Schloss erscheinen viele Vorträge auch in Buchform. Schmitt verglich die NLG mit den bedeutenden literarischen Salons vergangener Jahrhunderte.

Doch gibt es bei einem solchen Jubiläum nicht nur Freudiges zu berichten. Kerstin Weinbach und Horst Schwebel sprachen auch den Marburger Literaturpreis an, der von der NLG ins Leben gerufen wurde und dem Verein Anfang der 90er nach heftigen Kontroversen jahrelang entzogen wurde.

Und Gabriele Ziehr beklagte im Gespräch mit der OP die geringen Zuschüsse durch die Stadt Marburg, die für alternative Kultur weit mehr Mittel bereitstelle. „Die 500 Euro für unser kleines Büro in der Aulgasse sparen wir uns vom Mund ab.“

Musikalisch gekonnt umrahmt wurde der Festakt vom String Trio mit Diana Metzig (Geige), Gerd Schiebl (Cello) und Justus Noll (Klavier) und von der herausragenden Pianistin Roswitha Aulenkamp.

von Uwe Badouin

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