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Ein pessimistischer Antiheld

„Wenn wir Tiere wären“: Wilhelm Genazino las im Café Vetter.

Bild GenanzinoMarburg. Ein freier Sitzplatz ist auf Anhieb kaum auszumachen im altehrwürdigen Café Vetter. Jeder Tisch ist belegt. Ein paar Leute frühstücken, andere sind in ein Gespräch vertieft. Die Nachzügler müssen sich aufteilen, um am Sonntagvormittag noch einen Platz zu ergattern für Wilhelm Genazinos Lesung aus seinem Roman: „Wenn wir Tiere wären“.

Etwa 45 Minuten liest der mehrfach ausgezeichnete Autor, der unter anderem 2004 den Georg-Büchner-Preis erhalten hat, aus seinem im vergangenen Jahr erschienen Buch. In dieser Zeit lernen die Zuhörer den Protagonisten, einen Architekten, kennen. Vom Berufsleben und von der immer schneller werdenden Gesellschaft ist dieser überfordert – der Einblick in die Gedankenwelt des launischen Eigenbrötlers erweist sich als ziemlich ernüchternd.

Detailverliebt beschreibt Genazino Alltägliches. Er sitzt fast unbeweglich auf der kleinen Bühne, während er liest. Seine Stimme wirkt bestimmt und überlegt – mit trockener Betonung akzentuiert er witzige Wendungen und entlockt dem Publikum so einige Lacher. Obwohl witzig eigentlich der falsche Ausdruck ist: vielmehr verbirgt sich hinter solchen Sätzen eine Unvereinbarkeit zwischen Unsinn und einer merkwürdigen Situationskomik seines pessimistischen Antihelden.

Diese Kombination entsteht durch die Eigenarten des Ich-Erzählers. Einerseits geht dieser mit einem beneidenswert offenen Blick durch die Welt und beschreibt sie mit viel Gefühl und Empfindung. Jede Nebensächlichkeit findet hier eine gehobene Stellung. Doch dann verfällt er wieder in eine derbe Ausdrucksweise, mit der er beispielsweise sein Sexualleben beleuchtet oder Gedanken seiner Pubertät aufrollt. Auch mit Schimpfworten wird nicht gespart. Noch dissonanter klingt der Text aus dem Mund von Wilhelm Genazino, dem man so eine Sprache eher nicht zuschreiben würde. Nach dem vorgelesenen Textausschnitt erhalten die Gäste das Wort.

Trotz der vielen Leute fällt die Fragerunde vergleichbar kurz aus. Anscheinend ist der Fragebedarf bei diesem Thema nicht überdurchschnittlich groß. „Wenn wir Tiere wären“, würden wir uns nicht so viele Gedanken machen. So in etwa lautet die stumme Fortsetzung von Genazinos Romantitel, wie er eingangs erläutert. Sein Roman war 2011 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Wilhelm Genazino wurde 1943 in Mannheim geboren. Er lebt in Frankfurt. Bis 1971 war er Redakteur der Satirezeitschrift Pardon, seit den 1970er Jahren ist er freischaffend tätig.

von Daphne Flieger
Oberhessische Presse, 3.2.2012
Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino - Foto © Daphne Flieger

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