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Kulinarisches Lego in der Sterne-Küche

Der Restaurantkritiker Jörg Zipprick packte bei Literatur um 11 im Café Vetter aus.

Bild ZipprickMarburg. Vogelgrippe, Gammelfleisch, EHEC und Antibiotika-Hähnchen: Mit beunruhigender Kontinuität folgt ein Lebensmittelskandal dem nächsten. Skandale, die uns alle betreffen. Essen muss schließlich jeder. Dabei ist Essen mehr als pure Nahrungsaufnahme. Am Tisch trifft sich die ganze Familie und es wird geredet. Freunde treffen sich, um gemeinsam zu essen, Vertragspartner zum Geschäftsessen. Jedes Land hat seine eigenen Spezialitäten, eine eigene Esskultur. Vor allem ist Essen aber eins: Vertrauenssache. Die Gäste der „Literatur um 11“ im Café Vetter werden bei der nächsten Restaurantauswahl besonders achtgeben. Der freie Autor und Journalist Jörg Zipprick las am Sonntagmorgen aus seinem Buch „In Teufels-küche – Ein Restaurantkritiker packt aus“.

Dreimal wöchentlich besuchte der Kritiker etwa 20 Jahre lang Restaurants, bis ihm schließlich der Appetit verging. Horrorszenarien wie Plastikessen, wie es im Film „Brust oder Keule“ mit Louis de Funès bereits 1976 vorkommt, scheinen gar nicht so abwegig bei näherer Betrachtung der gängigen Praxis. Denn was in Sterne-Restaurants aufgetischt wird, kommt teilweise tatsächlich aus der (Sprüh-)Dose und hat mit Essen gar nicht mehr viel gemeinsam, kann sogar krankheitserregend sein. Ein Handgriff genügt, das Spray wird gezückt, und ein Gericht erhält das passende Aroma.

Der Kritiker nennt diese fragwürdige Methode „kulinarisches Lego“. Ganz nach dem Motto: Was draufsteht, ist noch lange nicht drin.Zippricks Erkenntnisse werden nicht überall gut aufgenommen, so in Italien. Aufgestochene Autoreifen musste Zipprick in Kauf nehmen. In seinem Buch rechnet er mit den kriminellen Machenschaften einiger Szenestars ab. „Jetzt bitte keinen Nachschlag“ ist der Titel des Epilogs, aus dem er 15 Minuten in gleichmäßigem Tonfall liest. Schon beim Lesen überprüft er mit kurzen Blicken die Reaktionen des Publikums. Dann animiert er zu Fragen, was das Publikum gerne annimmt. Nicht alle Pfuschereien in der Küche könne man herausschmecken, lautet die ernüchternde Einschätzung Zippricks.Der in Frankreich lebende Gourmet verrät nach seiner Lesung Überraschendes: Seine Frau ernähre sich ausschließlich von veganer Rohkost. Dabei stoße sie vor allem im eigenen Freundeskreis auf Unverständnis, bei ihrem Mann dagegen auf Bewunderung. Der ehemalige Restaurantliebhaber bekennt sich zum Ende hin: „Ich koche zu Hause, da weiß ich, was ich bekomme.“

von Daphne Flieger

Oberhessische Presse, 18.1.2012

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