Verlag Blaues Schloss Marburg

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Begrüßung Ludwig Legge:

"Meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass Sie erschienen sind, um Herrn Symon heute zu feiern, denn seit über sechs Jahren ist er in Marburg verlegerisch tätig. Er hat in der Zwischenzeit ungefähr 80 Bücher veröffentlicht. Darüber ist ein wenig in den Hintergrund getreten, dass er selbst Autor ist. Diesem kleinen Missstand wollen wir heute Abhilfe schaffen, und haben uns gedacht: es muss etwas Spannendes sein! Somit haben wir uns für etwas Kriminalistisches entschieden.

Übrigens, meine Damen und Herren, gestatten Sie mir den kleinen Verweis darauf, dass im 19. Jahrhundert bei den großen Autoren, ich nenne ihn jetzt Balzac, ich nenne Ihnen Dickens und ich nenne Ihnen Dostojewski, auch das Kriminalistische eine große Rolle spielt. Es geht ja sogar so weit, dass Balzac in seinen Romanen Detektive auftreten lässt, und zwar, dass wissen vielleicht die wenigsten, sehr authentisch, denn er hatte alle Informationen bekommen vom Chef der Sûreté Vidocq . Das erwähne ich auch deshalb, weil es eine gewisse Nähe gibt zwischen Verbrechen und der Aufklärung von Verbrechen. So wird es Sie nicht verwundern, dass Vidocq eine kriminelle Vergangenheit hatte, was ihn aber geradezu befähigte, mit diesem Milieu fertig zu werden.

Herr Symon wird nun eine kleine Einführung dazu geben."

 


Einführung K. H. Symon

Eine Reise ins viktorianische London 1886

"Sehr geehrte Damen und Herren,

die kleine Kriminalgeschichte „Das Geheimnis des Konstablers Jonas B.“ wird Sie in das viktorianische London von 1886 zurückversetzen. Aber London war auch ein Zentrum einer sich rasant entwickelnden Verbrechensbekämpfung auf Grundlage moderner Methoden wie Spurensicherungen durch Fingerabdrücke, ballistische Befunde, forensische Nachweise, als auch Verbrecherprofile (Karteien, Personenbeschreibungen, Methodik) sowie Indizienbeweise, Indizienprozesse und so weiter.

Paris ist also die Mutter der Spurensicherung und der modernen Kriminalistik, aber auch ein Schauplatz der ersten Kriminalromane und -erzählungen wie die von E.A. Poe „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ im Jahr 1841, in der der moderne Typ des Detektivs C. Auguste Dupin, der gleichermaßen auch Flaneur und vielleicht gelegentlich sogar Voyeur ist, ins literarische Leben kam. Der Anglist und Amerikanist Prof. Wolfgang G. Müller hat in seinem „Uni- im-Café-Band 8  Detektiv, Flaneur, Dandy - drei mythische Figuren der Stadtkultur des 19. Jahrhunderts und ihre Aktualität“, die Zusammenhänge umfassend dargestellt. Professor Müller, auch Shakespeare-Spezialist, wird hier am kommenden Sonntag, den 17. Februar einen Vortrag über Hamlet halten.

Der Detektiv mit der Ausstattung höchster Rationalität oder zumindest Deduktion, gepaart mit merkwürdigen, recht abwegigen Leidenschaften, diese Mischung aus Scharfsinn und Spleen, vorbereitet durch Baudelaires „Fleurs du mal“ um 1857, schwappte selbst auf Sherlock Holmes und England über, dem Land der zwei großen Leidenschaften: Empirismus und gothic novel. Später dann auf die Detektivfiguren auf dem Kontinent und in Amerika.

Das alles war im Aufschwung und Träger des Optimismus, dass das urbane recht gefährlich gewordene Leben Herr über das Verbrechen mittels der Vernunft, der Analyse und Technik werden könnte. So sind die Sherlock Holmes-Romane – nahezu im Gegensatz zu E. A. Poes Geschichten sowie der Konstabler Jonas B. Geschichte – vollkommen von diesem Optimismus durchdrungen und somit Ausdruck eines rationalen Zeitalters, das glaubte, auf diese Weise seine Probleme lösen zu können. Hatte zwar der Glaube an eine himmlische Gerechtigkeit abdanken müssen, so war hingegen der Glaube an den irdischen Arm der Gerechtigkeit noch voll entflammt. Was für eine goldene Zeit des Rationalismus! Die heutige Situation spiegelt im Vergleich dazu eher den Verlust des Glaubens sowohl an eine göttliche Gerechtigkeit als auch an eine weltliche wieder. Diesen Scherbenhaufen trägt das Abendland spätestens seit dem Ersten Weltkrieg mit sich herum.

Oscar Panizza war von 1885 bis Oktober 1886 in London gewesen. In London selbst aber entwickelte er eine panische Angst vor Irrenhäusern, chiffriert mit „das rote Haus“, obwohl er selbst Psychiater war und einst unter dem Kollegen Johann Bernhard Aloys Gudden, Psychiater vom Bayernkönig Ludwig II sowie Leiter der Münchner Kreisirrenanstalt, als Arzt gearbeitet hatte in den Jahren 1882-1884. Panizzas Lieblingsaufenthalt in London war in jenem Jahr 1886 die British Museum Library.

Racos Assin, der Psychiater in der Jonas B.-Geschichte, lehnt sich locker an Panizza an, obwohl die meisten Ereignisse fiktiv sind. Panizza selbst schrieb die kurze Geschichte „Das Verbrechen in Tavistock-Square“ über den jungen Konstabler Jonathan, der auf Grund erotischen Symboldenkens in einen Verdrängungswahn verfällt. Er kann als Vorlage des Charakters des Konstablers Jonas B. aufgefasst werden.

Werte Anwesende,

lassen Sie sich nun auf diese kleine Zeitreise ein.

Versinken Sie im London des Jahres 1886.


Vielen Dank"

 


 

Stefan Gille liest

"Das Geheimnis des Konstablers Jonas B."

 

Foto: K.-Hans Schumacher

 

 

 


Foto: K.-Hans Schumacher

 

 


 


"Das Geheimnis des Konstablers Jonas B." ist ein Auszug aus dem Roman „Das auf den Kopf gestellte Lebensbuch des Dichters Racos Assin“, der sich im Archiv des Verlages befindet. Stefan Gille hatte bereits die Passage zu der Schweizer Geheimpolizei vor einiger Zeit daraus vorgetragen. Der Roman ist dem bewegten und tragischen Leben des Arztes und Dichters Oscar Panizza auf der Spur. Eine seiner Besonderheiten ist, daß er mit dem Ende oder dem Sterben des Protagonisten in der Irrenanstalt beginnt und mit seiner Zeugung im durchwühlten Ehebett seines leidenschaftlichen katholischen Vaters und seiner leidenden protestantisch-pietistischen Mutter endet. Er ist ein großer rückwärtslaufender Lebensfilm.

 

 

Neue Reihe „Schwarze Bändchen“ in Planung

Zurzeit laufen die Vorbereitungen zu einer neuen Reihe im Verlag Blaues Schloss: die kleinformatige Reihe „Hosentaschenbücher“,  Edition „Schwarze Bändchen“.
Das Besondere dieser Reihe ist zum einen das Kleinformat 12 × 17cm. Die Wahl des Formates begründet sich darin, dass es problemlos bei sich getragen werden kann, sprich: in die Hosentasche gesteckt. Ein ähnliches, wenn auch ein wenig kleinformatiger, bietet in England Penguin mit seinen „Little Black Classics“ an. Diese kleinen schwarzen Bändchen beinhalten schmale Gedicht-Sammlungen, Geschichten oder Essays aus der literarischen Klassik, die man sich so gerne in die Tasche steckt, um das Bändchen auf einer Bank im Park wieder aus der Hosentasche herauszuziehen. Sicher können auch andere Taschen den gleichen Dienst erweisen.
Das Buch für „Freie im Freien“ im Hosentaschenformat beinhaltet ungewöhnliche und eigenständige Texte sowie eine Auswahl aus der literarischen modernen Klassik, die dem Leser oder der Leserin besonders am Herzen liegen. Die „Schwarzen Bändchen“ haben einen schwarzen, glänzenden Umschlag. Zudem stehen im Buch die Titel und Inhaltsverzeichnisse in weißer Schrift auf schwarzem Papier und manche enthalten Abbildungen in schwarz/weiß oder in Farbe. Zum Teil liegen sie in einer deutsch/englischen Fassung vor.
All diese Besonderheiten und der Umstand, dass ein Kleinformat in einer Kleinauflage sich in seinen Herstellungskosten nicht von den üblichen großen Taschenbuchformaten unterscheidet, bestätigt nicht die Annahme, dass, wenn etwas kleiner ist, es dann auch automatisch weniger kostet. Aber das Besondere zeichnet sich auch dadurch aus, dass es etwas nicht hat.
„Das Geheimnis des Konstablers Jonas B.“ ist der erste Band dieser Edition.
Zur Lesung wurde bereits eine limitierte  Anzahl hergestellt, die bereits  vergriffen ist.
Der zweisprachige Band 1 wird in einiger Zeit verfügbar sein und voraussichtlich 7,50 € kosten. Weitere Bände sind geplant. Bitte verfolgen Sie weiteres auf dieser Homepage.

 


Uni im Café 8
Müller, Wolfgang, G.
Detektiv, Flaneur, Dandy -
drei mythische Figuren
der Stadtkultur des
19. Jahrhunderts
und ihre Aktualität

Kartoniert, 54 Seiten,
4 Farbabbildungen
ISBN 978-3-943556-29-2
Preis: 8,50 €

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